POLYMORPH

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Vernissage
06.02.2026 | 19:00 Uhr
Wassertorstraße 10, Nbg
Fakultät Design

Für diejenigen unter Ihnen, die mich noch nicht kennen: Mein Name ist Casasola Merkle. Und ich bin der Dekan dieser Fakultät. Ich fürchte, das muss hier erwähnt werden, weil ich noch recht neu in diesem Amt bin. Genauer gesagt: erst seit Anfang dieses Semester. Darum ist das hier auch das erste Mal, dass ich so ein Vorwort schreibe, für einen Katalog, der die Arbeiten von Absolventinnen und Absolventen dokumentiert, aber eben auch ihren Abschied.

Unsere Bacheloranden haben sich – wie jedes Semester – selbst einen Titel für ihre Ausstellung und damit für ihren Abschluss gewählt. Diesmal heißt das alles „Polymorph“.

Solche Titel, das muss man vielleicht wissen, spiegeln oft eine gewisse Stimmung oder Weltsicht wider, und haben etwas von einer Art Motto. Aber warum ausgerechnet: "Polymorph?"

Kurz und knapp: Polymorph, das heißt … „vielgestaltig“. Aha. Und das als Titel?

Da könnte man mit den Worten von Meister Yoda sagen: "Vielgestaltig ihr seid."

Aber ist es nicht seltsam, dass junge Menschen, die eine Hochschule durchlaufen haben, die nach einem internationalen ISO Standard zertifiziert ist, mit dem man auch die Fertigung von Schrauben beurteilen kann, dass just solche jungen Menschen auf die Idee kommen, sich ausgerechnet das Vielgestaltige als Motto zu wählen?

Außerdem haben wir Ihnen doch beigebracht, dass es im Design recht wichtig ist, nur eine Form, und zwar eine möglichst gute, für das zu finden, was man vermitteln will. Und dann auch dabei zu bleiben.

Sie aber sagen uns, dass Sie es oberprima finden, dass man Sie nicht auf eine einzige Form festlegen kann. Schon klar, Sie sind ja auch sehr verschieden. Unterschiedlich in Ihren Individualitäten, in Ihren Identitäten und Stilen, in Erfahrungen und Interessen, auch in dem, womit Sie sich hier beschäftigt, und in dem, was Sie hier aus all den Modulen und Wahlpflichtfächern mitgenommen haben.

Immerhin gilt das, was alle, die hier abschließen, miteinander verbindet: Und das ist, dass Sie genau hier waren und nicht woanders. Dass Sie hier allerlei erlebt haben. Dass Sie sich, in dreieinhalb bis fünf Jahren, mit denkbar vielen Varianten von Design und Medien beschäftigen konnten. Und zwar intensiv und in all ihren Facetten.

Manche würden für sich in Anspruch nehmen, dass Sie das gebraucht haben, um am Großprojekt des Erwachsenwerdens zu arbeiten, etwa im Sinne von Menschenbildung oder Reifung.

Andere würden die Raupenhülle gern abschütteln und lieber auf allerlei Kreatives hinweisen: auf gut gewachsene Portfolios, schöne Showreels mit bewegten Bildern oder eine beeindruckende Liste von Projekten.

Und man könnte sich schließlich auch einen Bachelor-Absolventen vorstellen, der sich mitten im größten Stress noch ein Wandtattoo über den Frühstückstisch klebt, das in Großbuchstaben verkündet: "Erfolg kennt keine Öffnungszeiten!"

Was will man Ihnen nun noch mitgeben, da Sie doch so unterschiedlich sind?

Vielleicht sagt man Ihnen ja, weil man das ohnehin und noch viel häufiger erwähnen sollte: "Design ist wichtiger als viele denken!"

Und in einer Zeit, in der sich so vieles verändert hat und noch weiter ändert, ist es sogar noch wichtiger geworden. In einer Gegenwart, in der enorme technische Fortschritte auf politische und soziale Rückschritte prallen, wo alte Gewissheiten wegbrechen und viele total am Rad drehen, gilt unbedingt: "Design ist wichtiger als viele denken!"

Denn nicht nur Sie, auch wir haben in letzter Zeit viel gelernt. Wir wissen jetzt, wie heterogen und divers, ja wie polymorph Design sein kann … und sein muss. Es gibt Design in allen Spielarten. Und in immer mehr Bereichen des Lebens spielt es eine Rolle. Denn Design ist heute eben nicht mehr, was es früher ab und zu mal war, einfach eine Arbeit am Ästhetischen oder an einem Produkt, sondern eben auch Transformation Design, Strategic und Social Design, Service Design oder Design Futuring. (Wie sich das zum Beispiel in unserem Master-Programm „Design for digital Futures“ zeigt. Eigenwerbung Ende)

Designerinnen und Designer können und müssen heute viel mehr Rollen einnehmen, wenn sie an einem Prozess beteiligt sind. Gar nicht zu reden davon, in wie viele verschiedene Menschen man sich hineinversetzen muss und wie viel Verständnis und Empathie das braucht. Ganz schön vielgestaltig also.

Was Sie in Zukunft mit der Erinnerung an diese Zeit bei uns anstellen, ist natürlich ganz und gar Ihre Sache. Aber ist es nicht schön, dass zumindest die Option besteht, mal ganz gern zurückzudenken? Und je nachdem, wie man so drauf ist, die Schlachten aufzuzählen, die man hier geschlagen hat. Oder den einen tollen Moment zu erinnern, wo man in irgendein Universum abgebogen ist, um dort unendliche Weiten zu erkunden. Oder man gedenkt insgesamt einer Zeit der Veränderung. Denn üblicherweise hat man hier Photoshop, Blender, InDesign oder Coding gelernt, was über Typografie oder Film erfahren, über Webvideos oder Objektdesign und so viel mehr, hat die merkwürdigsten Aufgaben gelöst, sich an Projektwochen und Ausstellungen beteiligt, hat erste Jobs absolviert, Netzwerke geflochten, Freunde gefunden, manchmal sogar die Liebe.

Eigentlich stehe ich hier – selbst noch ganz frisch in meinem Amt und in dieser Situation – und möchte Sie ganz unschuldig dazu beglückwünschen, dass Sie jetzt auch ganz neu sind. In einer neuen Phase Ihres Lebens nämlich. Aber immerhin als wichtige Mitglieder der Gesellschaft und als Gestalterinnen und Gestalter, auch Ihres eigenen und hoffentlich recht vielgestaltigen Lebens.

Da gibt man Ihnen mit ein bisschen Stolz und von ganzem Herzen ein „Alles Gute!“ mit.

Prof. Manuel Casasola Merkle
Dekan der Fakultät Design

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